WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN
Gefühle & Emotionen

Grundgedanke
Gefühle und Emotionen gehören zu unserem Menschsein.
Sie begleiten uns vom Beginn unseres Lebens an. Freude, Angst, Wut, Trauer, Scham, Nähe, Unsicherheit und viele andere Formen unseres emotionalen Erlebens sind nicht etwas, das außerhalb von uns stattfindet.
Sie sind ein Teil von uns.
Unsere Gefühle gehören zur Summe unserer Erfahrungen und damit zu dem, was uns als Menschen ausmacht. Einzelne Gefühle kommen und gehen – aber die Fähigkeit zu fühlen begleitet uns ein Leben lang.
Gefühle erkennen und benennen
Bevor wir lernen können, mit unseren Gefühlen umzugehen, gibt es einen entscheidenden Schritt:
Wir müssen überhaupt erkennen können, was wir fühlen.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Bei sehr deutlichen Gefühlen gelingt uns das häufig noch relativ leicht. Wenn wir richtig wütend sind, merken wir irgendwann: „Ich bin wütend.“
Auch für Gefühle wie Eifersucht oder Neid besitzen viele Menschen zumindest einen Namen.
Doch unser emotionales Erleben besteht aus sehr viel mehr.
Manchmal wissen wir nur:
„Irgendetwas fühlt sich gerade unangenehm an.“
Wir sind angespannt.
Wir möchten einer Situation ausweichen.
Wir fühlen uns plötzlich klein.
Wir werden still.
Wir spüren Druck oder Unruhe.
Aber wir wissen möglicherweise gar nicht, welches Gefühl dahintersteht.
Und genau hier beginnt ein wichtiger Teil der Gefühlskunde.
Ein Gefühl kann da sein, ohne dass wir seinen Namen kennen
Nur weil wir ein Gefühl nicht benennen können, bedeutet das nicht, dass wir es nicht erleben.
Ein Mensch kann beispielsweise Scham empfinden, ohne bewusst zu denken:
„Ich schäme mich gerade.“
Er merkt vielleicht nur, dass ihm eine Situation unangenehm ist. Dass er am liebsten verschwinden möchte. Dass er nicht angeschaut werden will. Oder dass er sich plötzlich selbst abwertet.
Das Gefühl wirkt bereits – obwohl sein Name noch gar nicht bewusst geworden ist.
Und dadurch wird es schwieriger zu verstehen, was gerade eigentlich in uns geschieht.
Warum Namen so wichtig sind
Wenn wir ein Gefühl benennen können, wird aus einem diffusen inneren Zustand etwas, das wir betrachten können.
Aus:
„Mit mir stimmt gerade irgendetwas nicht.“
kann werden:
„Ich schäme mich gerade.“
Oder:
„Ich bin enttäuscht.“
„Ich fühle mich ausgeschlossen.“
„Ich bin unsicher.“
„Ich habe Angst.“
Damit ist das Gefühl nicht automatisch verschwunden.
Aber wir haben etwas Entscheidendes gewonnen:
Orientierung.
Wir können anfangen zu fragen:
Warum fühle ich das?
Was ist gerade passiert?
Welche Bedeutung hat diese Situation für mich?
Was brauche ich vielleicht gerade?
Und wie möchte ich damit umgehen?
Wenn wir das Gefühl nicht erkennen, kann ein zweiter Konflikt entstehen
Ein Gefühl kann bereits unangenehm sein.
Wenn wir zusätzlich nicht verstehen, was in uns geschieht, können wir anfangen, uns selbst für unseren Zustand zu bewerten.
Dann kommt zum ersten Gefühl möglicherweise noch etwas Zweites hinzu.
Zum Beispiel:
Ich habe Angst.
Dann schäme ich mich dafür, dass ich Angst habe.
Oder:
Ich bin traurig.
Dann ärgere ich mich über mich selbst, weil ich „schon wieder“ traurig bin.
Oder:
Ich bin eifersüchtig.
Dann verurteile ich mich dafür, dass ich überhaupt so empfinde.
So entsteht neben dem ursprünglichen Gefühl möglicherweise ein zweiter innerer Konflikt.
Und manchmal ist sogar dieser zweite Konflikt nicht vollständig bewusst. Wir merken nur:
„Ich fühle mich irgendwie schlecht mit mir selbst.“
Deshalb gehört Gefühlswissen zur Wesenskunde
Gefühle kennenzulernen bedeutet deshalb nicht, eine möglichst lange Liste auswendig zu lernen.
Es bedeutet, nach und nach eine Sprache für das eigene innere Erleben zu entwickeln.
Je besser wir unterscheiden und benennen können, was in uns geschieht, desto genauer können wir hinschauen.
Erkennen → Benennen → Akzeptieren → Verstehen → bewusst damit umgehen
Was ich nicht erkenne, kann ich schwer benennen.
Was ich nicht benennen kann, kann ich schwer verstehen.
Und was ich nicht verstehe, kann ich nur schwer bewusst gestalten.
Akzeptanz der Gefühle
Der erste und vielleicht wichtigste Schritt im Umgang mit Gefühlen ist deshalb nicht, sie zu verändern.
Der erste Schritt ist, zu akzeptieren, dass sie da sind.
Ein Gefühl anzunehmen bedeutet nicht, ihm zu gehorchen
Ein Gefühl zu akzeptieren bedeutet zunächst nur:
„Dieses Gefühl ist gerade ein Teil meines Erlebens.“
Es bedeutet nicht:
„Deshalb muss ich jetzt tun, was dieses Gefühl von mir verlangt.“
Ich kann beispielsweise akzeptieren:
„Ich bin gerade wütend.“
Das bedeutet aber nicht, dass ich einen anderen Menschen anschreien, beleidigen oder verletzen muss.
Ich kann Angst wahrnehmen, ohne automatisch davonzulaufen.
Ich kann Eifersucht wahrnehmen, ohne einen anderen Menschen kontrollieren zu müssen.
Ich kann Trauer zulassen, ohne mich für sie zu verurteilen.
Gefühle dürfen da sein. Über unser Verhalten können wir trotzdem entscheiden.
Wir können nicht jedes Gefühl bestimmen – aber unseren Umgang damit beeinflussen
Gefühle entstehen nicht immer auf bewussten Befehl.
Wir können nicht einfach entscheiden:
„Ab jetzt habe ich keine Angst mehr.“
oder:
„Ab heute werde ich nie wieder wütend.“
Aber wir können lernen wahrzunehmen, was gerade in uns geschieht.
Wir können ein Gefühl benennen.
Wir können untersuchen, wodurch es ausgelöst wurde.
Wir können erkennen, welche Bedeutung wir einer Situation gegeben haben.
Und wir können entscheiden, wie wir mit diesem Gefühl umgehen und wie wir darauf handeln.
Das Gefühl selbst und unser Verhalten sind deshalb nicht dasselbe.
Warum Akzeptanz so wichtig ist
Viele Schwierigkeiten beginnen nicht erst mit einem unangenehmen Gefühl.
Sie entstehen zusätzlich dadurch, dass wir dieses Gefühl nicht haben wollen.
Wir schämen uns dafür.
Wir verurteilen uns dafür.
Wir versuchen es zu verdrängen.
Oder wir sagen uns:
„So darf ich nicht fühlen.“
Damit entsteht neben dem ursprünglichen Gefühl häufig noch ein zweiter innerer Konflikt.
Wesenskunde setzt deshalb zunächst früher an:
Das Gefühl ist da.
Ich darf wahrnehmen, dass es da ist.
Ich muss mich dafür nicht verurteilen.
Und dann kann ich lernen, damit umzugehen.
Akzeptanz bedeutet also nicht Resignation.
Sie bedeutet nicht:
„So bin ich eben.“
Sie bedeutet:
„Das ist gerade in mir vorhanden – und jetzt kann ich bewusst entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.“
Gefühle verstehen lernen
Erst wenn wir ein Gefühl überhaupt wahrnehmen und akzeptieren können, können wir genauer hinschauen:
Was fühle ich eigentlich?
Wie fühlt es sich in meinem Körper an?
Wann ist es entstanden?
Was ist vorher passiert?
Welche Bedeutung hatte die Situation für mich?
Was möchte dieses Gefühl möglicherweise schützen oder anzeigen?
Und welche Handlung wäre jetzt tatsächlich hilfreich?
Damit wird aus einem Gefühl nicht automatisch eine Handlung.
Es wird zunächst zu etwas, das wir wahrnehmen und verstehen können.
Zentraler Grundsatz
Jedes Gefühl darf zunächst da sein.
Akzeptieren bedeutet nicht, ihm zu gehorchen.
Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Du musst nicht jedes Gefühl mögen.
Du musst dich aber auch nicht dafür bekämpfen, dass du es fühlst.