WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN
Wesenswahrnehmung

Wir nehmen nicht die ganze Welt wahr. Wir nehmen einen Ausschnitt wahr – und aus diesem Ausschnitt entsteht unser persönliches Erleben.
Wesenswahrnehmung beschäftigt sich mit der Frage:
Wie nehmen wir uns selbst und unsere Umwelt wahr – und warum kann dieselbe Situation von verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden?
Unser Körper erhält ständig Informationen.
Wir sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Wir nehmen Wärme und Kälte wahr, Berührung, Druck, Schmerz und viele weitere körperliche Signale.
Doch Wahrnehmung bedeutet nicht einfach, dass alles, was um uns herum geschieht, vollständig in unserem Bewusstsein ankommt.
Unser menschliches System muss auswählen.
Und genau dort wird Wahrnehmung zu einem wichtigen Bereich der Wesenskunde.
Unsere Sinne sind die Verbindung zur Umwelt
Unsere Sinnesorgane liefern uns Informationen über das, was außerhalb und innerhalb unseres Körpers geschieht.
Wir sehen Licht, Farben und Bewegungen.
Wir hören Stimmen, Geräusche und Töne.
Wir riechen und schmecken.
Wir fühlen Berührungen, Temperaturen und Schmerz.
Diese Wahrnehmungen helfen uns, uns in unserer Umwelt zu orientieren.
Sie können uns auf Möglichkeiten aufmerksam machen, aber ebenso auf Gefahren.
Ohne Wahrnehmung könnten wir kaum entscheiden, wie wir auf unsere Umwelt reagieren sollen.
Doch unsere Sinne liefern zunächst Informationen.
Was diese Informationen für uns bedeuten, ist bereits der nächste Schritt.
Wir können nicht alles gleichzeitig wahrnehmen
Unsere Umwelt enthält viel mehr Informationen, als wir gleichzeitig bewusst beachten können.
Deshalb spielt Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle.
Wir richten unseren Fokus auf bestimmte Dinge, während anderes in den Hintergrund tritt.
Ein einfaches Beispiel:
Du sitzt in einem Raum und unterhältst dich mit jemandem.
Vielleicht hörst du seine Stimme sehr deutlich.
Das leise Summen eines Gerätes im Hintergrund bemerkst du dagegen zunächst überhaupt nicht.
Erst wenn jemand sagt:
„Hörst du dieses Summen?“
richtet sich deine Aufmerksamkeit darauf.
Das Geräusch war vorher schon vorhanden.
Aber jetzt wird es Teil deiner bewussten Wahrnehmung.
Bedürfnisse verändern unsere Aufmerksamkeit
Was für uns gerade wichtig ist, beeinflusst auch, worauf wir achten.
Wenn wir hungrig sind, nehmen wir Essen möglicherweise schneller wahr.
Wenn wir uns bedroht fühlen, achten wir stärker auf mögliche Gefahren.
Wenn wir gerade Nähe suchen, können Reaktionen anderer Menschen besonders wichtig für uns werden.
Bedürfnisse beeinflussen deshalb nicht nur unser Verhalten. Sie können auch verändern, welche Informationen für uns gerade besonders bedeutsam werden.
Darum lautet eine wichtige Frage der Wesenswahrnehmung:
Warum verändert ein Bedürfnis, worauf ich achte und wie ich eine Situation erlebe?
Wahrnehmung und Wirklichkeit sind nicht dasselbe
Das ist einer der wichtigsten Punkte.
Es gibt eine äußere Situation.
Und es gibt das, was bei uns davon ankommt und wie wir sie erleben.
Diese beiden Dinge müssen nicht vollständig identisch sein.
Das bedeutet nicht, dass es keine Wirklichkeit gäbe.
Es bedeutet:
Unser Zugang zu ihr ist begrenzt.
Wir sehen nur einen Ausschnitt.
Wir hören nicht alles.
Unsere Aufmerksamkeit wählt aus.
Und anschließend treffen die wahrgenommenen Informationen auf unsere bisherigen Erfahrungen, Erwartungen und Bedeutungen.
Deshalb können zwei Menschen dieselbe Situation erleben und trotzdem zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.
Zwei Menschen – dieselbe Situation – zwei Wahrnehmungen
Stell dir vor, zwei Menschen betreten einen Raum voller unbekannter Personen.
Der eine denkt:
„Interessant. Hier kann ich neue Menschen kennenlernen.“
Der andere denkt:
„Hoffentlich muss ich mit niemandem sprechen.“
Der Raum ist derselbe.
Die Menschen sind dieselben.
Aber beide achten möglicherweise auf völlig unterschiedliche Dinge.
Der erste bemerkt vielleicht freundliche Gesichter und Gesprächsmöglichkeiten.
Der zweite achtet stärker auf Blicke, mögliche Ablehnung oder Situationen, in denen er angesprochen werden könnte.
Damit wird deutlich:
Vergangene Erfahrungen, Bedürfnisse und Erwartungen können beeinflussen, was unsere Aufmerksamkeit besonders stark aufnimmt.
Wahrnehmen ist noch nicht Bewerten
Auch diese Trennung ist wichtig.
Zunächst kann ich beispielsweise wahrnehmen:
„Diese Person spricht sehr laut.“
Danach kann eine Bedeutung entstehen:
„Sie ist wütend.“
Und anschließend eine Bewertung:
„Das ist gefährlich.“
Diese Schritte können so schnell ablaufen, dass sie sich für uns wie ein einziger Vorgang anfühlen.
Die Wesenskunde versucht, sie wieder sichtbar zu machen.
Denn es besteht ein Unterschied zwischen:
Was habe ich tatsächlich wahrgenommen?
und
Was habe ich daraus geschlossen?
Dieser Unterschied wird später besonders wichtig bei Bedeutung und Bewertung.
Auch uns selbst müssen wir wahrnehmen lernen
Wesenswahrnehmung richtet sich nicht nur nach außen.
Auch in unserem eigenen Körper und unserer inneren Welt geschieht ständig etwas.
Wir können beispielsweise wahrnehmen:
Herzklopfen.
Anspannung.
Wärme.
Kälte.
Druck.
Schmerz.
Unruhe.
Erschöpfung.
Oder Veränderungen unserer Atmung.
Diese körperlichen Wahrnehmungen sind nicht automatisch dasselbe wie Gefühle oder Emotionen.
Aber sie können Hinweise darauf geben, was gerade in unserem Körper geschieht.
Gerade deshalb ist es wichtig, unterscheiden zu lernen:
Was nehme ich körperlich wahr?
Was fühle ich emotional?
Was denke ich darüber?
Diese Bereiche können miteinander verbunden sein, sind aber nicht identisch.
Erfahrungen beeinflussen, was uns auffällt
Unsere Vergangenheit kann unsere Wahrnehmung mitprägen.
Wenn wir eine bestimmte Gefahr bereits erlebt haben, können wir ähnliche Hinweise später schneller erkennen.
Das kann ausgesprochen hilfreich sein.
Unser Erfahrungsschatz ermöglicht uns, nicht jede Situation wieder völlig neu lernen zu müssen.
Aber dieselbe Fähigkeit kann auch dazu führen, dass wir aufgrund alter Erfahrungen etwas erwarten und deshalb besonders stark darauf achten.
Vielleicht wurde jemand häufig kritisiert.
Dann kann er möglicherweise besonders sensibel auf Gesichtsausdrücke, Tonfälle oder bestimmte Formulierungen reagieren.
Ein anderer Mensch würde dieselben Signale vielleicht kaum beachten.
Hier verbindet sich Wesenswahrnehmung mit dem Wesensgedächtnis.
Erwartungen können Wahrnehmung lenken
Auch das, womit wir rechnen, kann beeinflussen, worauf wir achten.
Wenn ich überzeugt bin:
„Der andere mag mich nicht.“
werde ich möglicherweise besonders aufmerksam für alles, was diese Erwartung bestätigt.
Ein kurzer Blick.
Eine knappe Antwort.
Eine nicht beantwortete Nachricht.
Gleichzeitig können andere Signale weniger Beachtung bekommen.
Damit bedeutet Wesenswahrnehmung nicht:
„Unsere Wahrnehmung ist falsch.“
Sondern:
Es lohnt sich zu verstehen, wodurch unsere Aufmerksamkeit gerade gelenkt wird.
Wahrnehmung ist unser Ausgangspunkt
Fast alles, womit wir uns in der Wesenskunde beschäftigen, beginnt irgendwann mit Wahrnehmung.
Bevor ich ein Gefühl benennen kann, muss ich etwas davon wahrnehmen.
Bevor ich ein Bedürfnis erkennen kann, muss ich bemerken, dass etwas in mir geschieht.
Bevor ich eine Bewertung überprüfen kann, muss ich erkennen, dass ich gerade bewerte.
Bevor ich ein Muster verändern kann, muss ich überhaupt bemerken, dass es abläuft.
Deshalb ist Wahrnehmung nicht nur ein Sinnesvorgang.
Sie ist auch eine Voraussetzung für Selbstverständnis.
Was ich nicht wahrnehme, kann ich nur schwer bewusst verstehen oder gestalten.
Wesenswahrnehmung bedeutet genauer hinschauen
Dabei geht es nicht darum, ständig jede Kleinigkeit zu analysieren.
Es geht vielmehr darum, nach und nach unterscheiden zu lernen:
Was geschieht tatsächlich?
Was nehme ich davon wahr?
Worauf richtet sich meine Aufmerksamkeit?
Was interpretiere ich bereits hinein?
Welche Erfahrungen oder Erwartungen könnten meine Wahrnehmung beeinflussen?
Je klarer wir diese Schritte unterscheiden können, desto besser können wir verstehen, wie unser persönliches Erleben entsteht.
Fragen, die zur Wesenswahrnehmung gehören
- Was nehme ich gerade tatsächlich wahr?
- Welche meiner Sinne liefern mir diese Information?
- Was geschieht gerade in meinem Körper?
- Worauf richtet sich meine Aufmerksamkeit?
- Was nehme ich möglicherweise gerade nicht wahr?
- Welches Bedürfnis beeinflusst meinen Fokus?
- Welche Erfahrung könnte meine Aufmerksamkeit lenken?
- Was habe ich tatsächlich beobachtet – und was habe ich daraus geschlossen?
- Welche Erwartung bringe ich bereits mit?
- Könnte ein anderer Mensch dieselbe Situation anders wahrnehmen?
- Verwechsle ich gerade meine Wahrnehmung oder Interpretation mit einer unumstößlichen Tatsache?
- Was verändert sich, wenn ich noch einmal genauer hinschaue?
Kurz zusammengefasst
Wesenswahrnehmung beschreibt, wie wir über unsere Sinne und unseren Körper Informationen aufnehmen, wie Aufmerksamkeit daraus auswählt und wie Bedürfnisse, Erfahrungen und Erwartungen beeinflussen können, was für uns besonders wichtig wird.
Sie hilft uns dabei, zu unterscheiden zwischen:
dem, was geschieht,
dem, was wir wahrnehmen,
und dem, was wir daraus machen.
Als Leitsatz:
Wir erleben die Welt nicht nur so, wie sie vor uns liegt – sondern auch durch das, worauf unsere Aufmerksamkeit fällt und was wir bereits mitbringen.
Kurzer grafischer Leitsatz:
Wahrnehmung ist der Anfang vieler innerer Prozesse.