GEMOTION
GALAXY

WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN

Wesensrollen

Mensch an einer Weggabelung zwischen verschiedenen Lebensrollen
Wir sind nicht nur eine Rolle. Wir tragen viele Rollen in uns – und nicht immer ist uns bewusst, welche davon gerade unser Verhalten bestimmt.

Ein Mensch bewegt sich im Laufe seines Lebens durch viele verschiedene gesellschaftliche und persönliche Rollen.

Wir können gleichzeitig Sohn oder Tochter sein, Mutter oder Vater, Partner, Freund, Kollege, Arbeitnehmer, Unternehmer, Nachbar, Schüler, Lehrer, Helfender, Anfänger oder Experte.

All diese Rollen gehören zu unserem Leben.

Das Entscheidende ist, sich ihrer bewusst zu werden.

Denn in unterschiedlichen Rollen können unterschiedliche Fähigkeiten, Umgangsformen, Verantwortlichkeiten und Erwartungen sinnvoll sein.

Ein Verhalten, das in einer bestimmten Rolle funktioniert, muss deshalb nicht automatisch in jeder anderen Rolle passend sein.

Wenn eine Rolle alle anderen überlagert

Ein Mensch kann sich so stark mit einer bestimmten Rolle identifizieren, dass er sie kaum noch verlässt.

Stell dir beispielsweise einen Bauarbeiter vor, der täglich in einem Umfeld arbeitet, in dem ein sehr direkter, rauer Umgangston üblich ist.

Auf der Baustelle kann diese Form der Kommunikation für ihn völlig normal und funktional geworden sein.

Problematisch kann es werden, wenn diese Rolle auch außerhalb der Baustelle weiterläuft.

Dann spricht er vielleicht mit seiner Partnerin, seinen Kindern oder Freunden im gleichen Ton – nicht unbedingt, weil er sie schlecht behandeln möchte, sondern weil er gar nicht mehr bemerkt, dass er seine berufliche Rolle in einen anderen Lebensbereich mitgenommen hat.

Dasselbe kann bei völlig anderen Rollen passieren.

Ein Wissenschaftler kann gedanklich so stark in seiner Arbeit bleiben, dass er auch zu Hause kaum aus seiner fachlichen Rolle herausfindet.

Eine Führungskraft kann zu Hause weiterhin alles organisieren und bestimmen wollen.

Jemand, der immer der Helfende ist, kann Schwierigkeiten bekommen, selbst Hilfe anzunehmen.

Oder jemand, der sich als „der Starke“ versteht, erlaubt sich in keiner seiner anderen Rollen mehr Schwäche.

Das Problem ist dann nicht die Rolle selbst.

Das Problem beginnt dort, wo wir nicht mehr erkennen, wann eine Rolle passend ist – und wann eine andere Seite von uns gebraucht wird.

Rollenbewusstsein schafft Beweglichkeit

Wesensrollen bedeutet deshalb nicht, ständig künstlich zwischen verschiedenen Persönlichkeiten umzuschalten.

Es geht vielmehr um Bewusstsein:

In welcher Rolle befinde ich mich gerade?

Was gehört zu dieser Rolle?

Welche Verantwortung habe ich hier?

Welche Fähigkeiten brauche ich?

Und nehme ich vielleicht gerade Verhalten aus einer anderen Rolle mit, das hier gar nicht passt?

Je bewusster uns unsere Rollen werden, desto leichter können wir zwischen ihnen wechseln, ohne uns selbst dabei zu verlieren.

Eine Rolle bedeutet nicht, dass wir uns verstellen

Wenn wir von einer „Rolle“ sprechen, klingt das schnell nach Schauspiel.

Als würden wir eine Maske aufsetzen und jemand anderes werden.

So ist Wesensrolle hier nicht gemeint.

Eine Rolle beschreibt vielmehr, in welchem Zusammenhang wir uns gerade befinden und welche Aufgaben, Beziehungen oder Erwartungen damit verbunden sind.

Ein Mensch kann beispielsweise bei der Arbeit eine verantwortliche Führungskraft sein und wenige Stunden später bei seinen Eltern wieder der Sohn oder die Tochter.

Er kann in einem Bereich hochkompetent sein und in einem anderen völliger Anfänger.

Er kann einem Freund helfen und am nächsten Tag selbst Unterstützung benötigen.

Das macht ihn nicht widersprüchlich oder unecht.

Es zeigt, dass Menschen mehrere Seiten und Fähigkeiten besitzen, die in unterschiedlichen Situationen gebraucht werden.

Eine Rolle ist nicht der ganze Mensch

Wir neigen dazu, Menschen über ihre Rollen zu beschreiben:

„Er ist Unternehmer.“

„Sie ist Mutter.“

„Er ist Arzt.“

„Sie ist arbeitslos.“

Doch keine dieser Bezeichnungen beschreibt den ganzen Menschen.

Eine Rolle ist ein Teil unseres Lebens – nicht unser vollständiges Wesen.

Das wird besonders deutlich, wenn eine Rolle plötzlich wegfällt.

Was passiert beispielsweise, wenn jemand nach vierzig Jahren in Rente geht und seine berufliche Rolle verliert?

Was passiert nach einer Trennung mit der Rolle als Partner?

Was passiert, wenn Kinder erwachsen werden und sich die Elternrolle verändert?

Wenn ein großer Teil des eigenen Selbstbildes an einer einzigen Rolle hängt, kann der Verlust oder die Veränderung dieser Rolle sehr tief gehen.

Deshalb stellt die Wesenskunde auch die Frage:

Wer bin ich – jenseits meiner momentanen Rollen?

Eine Rolle kann zur Identität werden

Eine weitere Schwierigkeit entsteht, wenn aus

„Ich arbeite als …“

irgendwann wird:

„Das bin ich.“

Dann wird eine einzelne Rolle möglicherweise zum Mittelpunkt des eigenen Selbstbildes.

Aus:

„Ich bin Wissenschaftler.“

kann innerlich werden:

„Ich muss immer wissenschaftlich denken.“

Aus:

„Ich bin Bauarbeiter.“

kann werden:

„So rede und verhalte ich mich eben.“

Aus:

„Ich bin Mutter.“

kann werden:

„Ich muss immer für alle anderen da sein.“

Dann verschwimmen Rolle und Person.

Die Wesenskunde möchte deshalb nicht Rollen abschaffen.

Sie möchte sichtbar machen:

Ich habe diese Rolle – aber ich bin mehr als diese Rolle.

Mit Rollen kommen Erwartungen

Viele Rollen sind mit Vorstellungen darüber verbunden, wie man sich verhalten „sollte“.

Ein Vater soll vielleicht stark sein.

Eine Mutter soll sich kümmern.

Eine Führungskraft soll souverän sein.

Ein guter Freund soll immer da sein.

Ein Arbeitnehmer soll zuverlässig sein.

Doch woher kommen diese Erwartungen?

Manche entstehen aus tatsächlichen Verantwortlichkeiten.

Andere kommen aus der Familie.

Andere aus der Gesellschaft.

Und manche haben wir irgendwann selbst übernommen.

Darum gehört zu den Wesensrollen auch die Frage:

Welche Erwartungen gehören wirklich zu meiner Verantwortung – und welche habe ich lediglich gelernt oder übernommen?

Wenn Rollen miteinander kollidieren

Besonders schwierig wird es, wenn zwei Rollen gleichzeitig unterschiedliche Dinge von uns verlangen.

Zum Beispiel:

Ich möchte als Elternteil für mein Kind da sein.

Gleichzeitig verlangt meine berufliche Rolle, dass ich länger arbeite.

Oder:

Als Freund möchte ich jemanden unterstützen.

Als Partner merke ich aber, dass diese Unterstützung unsere gemeinsame Zeit immer stärker belastet.

Oder:

Als Führungskraft muss ich eine Entscheidung treffen, die ich als Freund vielleicht anders treffen würde.

Dann entsteht nicht unbedingt ein persönlicher Fehler.

Es kann schlicht ein Rollenkonflikt sein.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Menschen sich sonst möglicherweise selbst vorwerfen:

„Warum bekomme ich das nicht hin?“

obwohl in Wirklichkeit zwei berechtigte Anforderungen miteinander konkurrieren.

Wir besitzen nicht in jeder Rolle dieselben Fähigkeiten

Ein Mensch kann in einem Bereich hochkompetent und in einem anderen unsicher sein.

Jemand kann ein hervorragender Handwerker sein und gleichzeitig Schwierigkeiten in seiner Rolle als Partner haben.

Eine erfolgreiche Unternehmerin kann als frischgebackene Mutter völlig neue Situationen erleben, für die sie noch keine Erfahrung besitzt.

Ein Mensch kann als Vater sehr sicher sein und als Führungskraft gerade erst anfangen.

Das sagt nichts über seinen grundsätzlichen Wert aus.

Unterschiedliche Rollen verlangen unterschiedliche Fähigkeiten.

Und Fähigkeiten können gelernt werden.

Auch Kleidung kann uns in Rollen hineinführen

Kleidung kann eine Rolle sichtbar und manchmal auch innerlich spürbarer machen.

Ein Imker zieht seinen Schutzanzug an.

Ein Judoka seinen Judoanzug.

Beim Sport tragen wir Sportkleidung.

Auf einem festlichen Ball vielleicht einen Anzug oder ein Abendkleid.

Eine Ärztin zieht ihren Kittel an, ein Handwerker seine Arbeitskleidung.

Solche äußeren Zeichen können uns dabei helfen, in einen bestimmten Zusammenhang hineinzufinden.

Sie erinnern uns manchmal unbewusst daran:

„Jetzt beginnt diese Aufgabe. Jetzt befinde ich mich in dieser Rolle.“

Und genauso kann das Ablegen dieser Kleidung symbolisch bedeuten:

Diese Rolle endet für heute.

Das zeigt sehr schön, dass Rollen nicht nur Gedanken sind. Sie können mit Orten, Sprache, Kleidung, Aufgaben, Gewohnheiten und Erwartungen verbunden sein.

Rollen verändern sich

Unsere Rollen sind nicht für immer gleich.

Ein Kind wird erwachsen.

Ein Schüler wird vielleicht Lehrer.

Ein Anfänger wird irgendwann erfahren.

Ein Elternteil wird Großelternteil.

Manche Rollen kommen hinzu.

Andere verändern sich.

Manche verschwinden vollständig.

Wesensrollen zeigen deshalb auch, dass unser Leben nicht aus einer einzigen festen Identität besteht, die in jeder Situation gleich aussehen muss.

Wir entwickeln uns, lernen und bewegen uns durch unterschiedliche Lebensbereiche.

Die Gefahr, sich mit einer Rolle zu verwechseln

Eine Rolle kann sehr wichtig für uns sein.

Problematisch kann es werden, wenn daraus entsteht:

„Ohne diese Rolle bin ich nichts.“

Wenn mein gesamter Wert davon abhängt, erfolgreich zu sein.

Wenn ich glaube, nur als Mutter gebraucht zu werden.

Wenn mein Beruf bestimmt, wie wertvoll ich mich fühle.

Oder wenn ich denke:

„Ich muss immer der Starke sein.“

Dann ist aus einer Rolle möglicherweise eine feste innere Verpflichtung geworden.

Hier treffen Wesensrollen wieder auf Wesensprägung, Selbstbild, Werte und Selbstwert.

Fragen, die zu Wesensrollen gehören

  • Welche Rollen habe ich in meinem Leben?
  • Welche davon sind mir besonders wichtig?
  • Welche Verantwortung gehört tatsächlich zu dieser Rolle?
  • Welche Erwartungen verbinde ich damit?
  • Woher stammen diese Erwartungen?
  • Verhalte ich mich in verschiedenen Rollen unterschiedlich?
  • Darf ich in einer Rolle Anfänger sein?
  • Gibt es Rollen, die miteinander in Konflikt geraten?
  • Hängt mein Selbstwert stark an einer bestimmten Rolle?
  • Welche Rolle fällt mir besonders schwer?
  • Welche Fähigkeiten brauche ich dort vielleicht noch?
  • Wer bin ich, wenn ich meine Berufsbezeichnung, meinen Status und meine Rollen einmal beiseitelasse?

Kurz zusammengefasst

Wesensrollen beschreiben die verschiedenen Zusammenhänge, Beziehungen und Verantwortlichkeiten, in denen wir uns als Menschen bewegen. Sie beeinflussen Erwartungen, Verhalten und Fähigkeiten – aber keine einzelne Rolle beschreibt den ganzen Menschen.

Nicht die vielen Rollen sind das Problem. Schwierig wird es, wenn wir vergessen, dass wir mehrere haben.
Eine Rolle beschreibt, wo du gerade stehst – nicht deinen Wert als Mensch.