WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN
Wesensdynamik

Die Wesensarchitektur zeigt, was zu uns gehört. Die Wesensdynamik zeigt, was zwischen diesen Bereichen geschieht.
Ein Mensch besteht nicht aus einzelnen Bereichen, die unabhängig voneinander arbeiten.
Wahrnehmung, Bedürfnisse, Erinnerungen, Bedeutungen, Bewertungen, Gefühle, Gedanken, Erwartungen und Entscheidungen können sich gegenseitig beeinflussen.
Genau mit diesem Zusammenspiel beschäftigt sich die Wesensdynamik.
In uns geschieht vieles gleichzeitig
Wenn wir eine Situation erleben, läuft in uns nicht einfach nur ein einzelner Vorgang ab.
Wir nehmen etwas wahr.
Dabei können frühere Erfahrungen eine Rolle spielen.
Wir geben dem Wahrgenommenen möglicherweise eine Bedeutung.
Wir bewerten die Situation.
Gefühle entstehen oder verändern sich.
Erwartungen können hinzukommen.
Gedanken entstehen.
Und schließlich treffen wir Entscheidungen und handeln.
Doch diese Vorgänge laufen nicht immer sauber nacheinander wie auf einem Fließband.
Sie können sich gegenseitig beeinflussen, verstärken, abschwächen oder verändern.
Genau deshalb sprechen wir von Dynamik.
Ein einfaches Beispiel
Stell dir vor, jemand antwortet nicht auf deine Nachricht.
Zunächst ist nur etwas passiert:
Es kommt keine Antwort.
Was daraus in uns entsteht, kann jedoch sehr unterschiedlich sein.
Ein Mensch denkt vielleicht:
„Er hat wahrscheinlich gerade keine Zeit.“
Ein anderer:
„Ich habe bestimmt etwas falsch gemacht.“
Und ein dritter:
„Typisch. Ich bin ihm offenbar nicht wichtig.“
Das Ereignis ist zunächst dasselbe.
Aber Erinnerung, Erwartung, Bedeutung und Bewertung können beeinflussen, welche Gefühle entstehen und wie wir anschließend handeln.
Der eine wartet ruhig.
Der andere wird unsicher.
Der nächste wird wütend und schreibt eine vorwurfsvolle Nachricht.
Damit entsteht wiederum eine neue Situation, auf die der andere Mensch reagiert.
Und genau daran sieht man:
Innere Vorgänge beeinflussen äußeres Verhalten – und äußere Erfahrungen wirken anschließend wieder auf unser inneres System zurück.
Wesensdynamik ist keine Einbahnstraße
Das ist ein besonders wichtiger Punkt.
Wir könnten zunächst denken:
Wahrnehmung → Bedeutung → Gefühl → Entscheidung → Handlung
Aber in Wirklichkeit können die Einflüsse auch in andere Richtungen wirken.
Ein Gefühl kann unsere Wahrnehmung verändern.
Eine Erwartung kann beeinflussen, worauf wir achten.
Ein Bedürfnis kann verändern, was für uns gerade besonders wichtig erscheint.
Eine Erinnerung kann eine Bewertung beeinflussen.
Eine neue Erfahrung kann wiederum eine alte Erwartung verändern.
Darum ist die Wesensdynamik eher ein Netz von Wechselwirkungen als eine einzige gerade Kette.
Unser momentaner Zustand spielt mit hinein
Auch unser aktueller Zustand kann einen Unterschied machen.
Wenn wir ausgeschlafen, ruhig und sicher sind, erleben wir eine Situation möglicherweise anders, als wenn wir erschöpft, hungrig, angespannt oder bereits verletzt sind.
Dasselbe Wort kann uns an einem Tag kaum berühren und an einem anderen sehr treffen.
Das bedeutet nicht, dass unsere Reaktion „falsch“ ist.
Es zeigt vielmehr, dass menschliches Erleben von mehreren Einflüssen gleichzeitig geprägt werden kann.
Dynamiken können sich verstärken
Manche inneren Abläufe können sich gegenseitig verstärken.
Zum Beispiel:
Ich erwarte Ablehnung.
↓
Ich achte besonders auf Zeichen von Ablehnung.
↓
Ein neutraler Gesichtsausdruck fällt mir auf.
↓
Ich bewerte ihn als Ablehnung.
↓
Ich werde unsicher oder ziehe mich zurück.
↓
Der andere Mensch reagiert auf meinen Rückzug.
↓
Ich erlebe seine Reaktion als Bestätigung.
Am Ende kann der Gedanke entstehen:
„Ich wusste doch, dass ich abgelehnt werde.“
Dabei hat nicht nur das äußere Ereignis gewirkt.
Es entstand eine Dynamik zwischen Erwartung, Wahrnehmung, Bewertung, Gefühl, Verhalten und neuer Erfahrung.
Dynamiken können sich aber auch verändern
Genau darin liegt gleichzeitig eine große Möglichkeit.
Wenn mehrere Bereiche miteinander verbunden sind, bedeutet das auch:
Eine Veränderung an einer Stelle kann Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen.
Vielleicht bemerke ich:
„Ich erwarte gerade wieder Ablehnung.“
Damit verändert sich zunächst noch nicht automatisch mein Gefühl.
Aber ich kann innehalten.
Ich kann prüfen:
Was ist tatsächlich passiert?
Ich kann meine erste Bewertung hinterfragen.
Ich kann anders handeln als früher.
Und dadurch kann eine neue Erfahrung entstehen.
So muss nicht jede bekannte innere Dynamik immer wieder zum gleichen Ergebnis führen.
Wesensdynamik macht Muster sichtbar
Ein wichtiger Teil der Wesenskunde besteht deshalb darin, nicht nur einzelne Gefühle, Gedanken oder Handlungen anzusehen.
Sondern zu fragen:
Was hängt hier eigentlich womit zusammen?
Vielleicht ist meine Wut mit einer verletzten Grenze verbunden.
Vielleicht hängt meine Unsicherheit mit einer früheren Erfahrung zusammen.
Vielleicht beeinflusst ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, wie ich die Worte anderer Menschen bewerte.
Vielleicht führt eine bestimmte Erwartung dazu, dass ich immer wieder dieselben Dinge wahrnehme.
Wenn wir solche Zusammenhänge erkennen, können aus scheinbar einzelnen Problemen verständliche Muster werden.
Fragen, die zur Wesensdynamik gehören
- Was ist unmittelbar vorher passiert?
- Was habe ich wahrgenommen?
- Welche Bedeutung habe ich der Situation gegeben?
- Welche Erinnerung könnte dabei eine Rolle spielen?
- Welches Bedürfnis war vielleicht beteiligt?
- Was habe ich erwartet?
- Welches Gefühl ist entstanden?
- Wie hat dieses Gefühl mein Denken beeinflusst?
- Welche Entscheidung habe ich anschließend getroffen?
- Was hat mein Verhalten wiederum ausgelöst?
- Wiederholt sich diese Dynamik in ähnlichen Situationen?
- An welcher Stelle könnte ich heute etwas anders machen?
Kurz zusammengefasst
Wesensdynamik beschreibt das Zusammenspiel der verschiedenen Bereiche unseres Menschseins. Sie zeigt, wie Wahrnehmung, Bedürfnisse, Erinnerungen, Bedeutungen, Gefühle, Erwartungen, Entscheidungen und Handlungen sich gegenseitig beeinflussen und daraus wieder neue Erfahrungen entstehen können.
Als Leitsatz gefällt mir dafür besonders:
In uns geschieht nicht einfach eins nach dem anderen – vieles wirkt miteinander und aufeinander.