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WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN

Wesensverantwortung

Hände tragen eine lebendige Erde als Symbol für Verantwortung und eigenen Einfluss
Verantwortung beginnt nicht mit der Frage: Wer ist schuld? Sondern mit der Frage: Was gehört zu mir – und was mache ich jetzt damit?

Wo beginnt meine Verantwortung – und wo hört sie auf?

Verantwortung ist ein mächtiges Wort. Und gerade deshalb wird es leicht missverstanden.

Wenn etwas schiefgeht, suchen wir häufig zuerst nach der Ursache außerhalb von uns. Das kann auch ein innerer Schutzmechanismus sein. Denn einen eigenen Fehler anzuerkennen kann sich unangenehm anfühlen:

Wenn ich einen Fehler gemacht habe – bin ich dann fehlerhaft?
Bin ich dann weniger wert?
Verliere ich Anerkennung?
Werde ich verurteilt?

Dann kann es leichter erscheinen, die Verantwortung vollständig nach außen zu geben.

Doch auch das Gegenteil kann problematisch werden:

Ich bin für alles verantwortlich.

Denn wir können Verantwortung für Dinge übernehmen, die gar nicht in unserer Macht liegen.

Die Wesenskunde versucht deshalb, beides voneinander zu unterscheiden.

Drei Fragen helfen dabei

1. Was habe ich selbst getan oder entschieden?
Dafür kann ich unmittelbar Verantwortung übernehmen.

2. Was wurde von einem anderen Menschen getan?
Für seine Entscheidung und sein Verhalten trägt dieser Mensch seinen eigenen Anteil der Verantwortung.

3. Was davon betrifft mich – und wie gehe ich jetzt damit um?
Hier beginnt wieder meine Verantwortung.

Ein anderer Mensch kann mich beispielsweise unfair behandeln.

Für seine Handlung bin ich nicht verantwortlich.

Aber ich kann Verantwortung dafür übernehmen,

wie ich darauf reagiere,
welche Grenze ich setze,
welche Bedeutung ich dem Geschehen gebe,
welche Entscheidung ich daraus treffe
und wie ich mit meinen eigenen Gefühlen weiter umgehe.

Damit lässt sich Wesensverantwortung sehr einfach zusammenfassen:

Ich bin nicht für alles verantwortlich, was mir geschieht. Aber ich übernehme Verantwortung für meinen Anteil und für meinen Umgang mit dem, was mich betrifft.

Warum wir Verantwortung manchmal abgeben wollen

Verantwortung übernehmen kann zunächst unangenehm sein.

Denn dafür müssen wir möglicherweise erkennen:

„Da habe ich mich geirrt.“

„Da habe ich jemanden verletzt.“

„Diese Entscheidung war nicht gut.“

„Da hätte ich anders handeln können.“

Wenn wir einen Fehler aber sofort mit unserem eigenen Wert verbinden, wird Verantwortung bedrohlich.

Aus:

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

wird dann innerlich:

„Ich bin ein Fehler.“

Und genau hier treffen sich wieder viele Bereiche der Wesenskunde: Prägung, Selbstbild, Bewertung, Gefühle, Wesensgedächtnis und das Bedürfnis nach Anerkennung.

Ein wichtiger Schritt besteht deshalb darin, beides voneinander zu trennen:

Ich kann einen Fehler gemacht haben, ohne deshalb als Mensch fehlerhaft oder weniger wert zu sein.

Erst dadurch wird Verantwortung leichter möglich.

Denn dann muss ich meinen Fehler nicht mehr unbedingt verleugnen, rechtfertigen oder einem anderen zuschieben, um meinen eigenen Wert zu schützen.

Verantwortung ist nicht dasselbe wie Schuld

Wenn jemand Verantwortung übernimmt, bedeutet das nicht automatisch:

„Ich bin schuld.“

Verantwortung kann auch bedeuten:

„Das ist geschehen. Welchen Anteil habe ich daran? Was kann ich jetzt beeinflussen? Und was kann ich als Nächstes tun?“

Die Schuldfrage schaut häufig zuerst zurück:

Wer hat etwas falsch gemacht?

Verantwortung kann zusätzlich nach vorn schauen:

Was mache ich jetzt damit?

Auch wenn ich eine Situation nicht verursacht habe, kann ich möglicherweise Verantwortung dafür übernehmen, wie ich heute damit umgehe.

Es gibt Dinge, die wir beeinflussen können – und Dinge, die wir nicht kontrollieren können

Wir können nicht alles bestimmen.

Ich kann nicht vollständig kontrollieren,

was andere Menschen denken,
was sie fühlen,
welche Entscheidungen sie treffen,
was sie über mich sagen,
was in der Vergangenheit geschehen ist
oder welche unerwarteten Ereignisse morgen eintreten.

Aber ich kann möglicherweise beeinflussen,

wie ich spreche,
wie ich handle,
welche Entscheidung ich treffe,
welche Grenze ich setze,
wie ich mit einem Fehler umgehe
und welche Konsequenzen ich aus einer Erfahrung ziehe.

Wesensverantwortung bedeutet deshalb auch, Einfluss und Kontrolle auseinanderzuhalten.

Zu wenig Verantwortung

Manchmal geben wir unseren eigenen Einfluss vollständig nach außen.

Dann entstehen Sätze wie:

„Ich kann nichts dafür.“

„Die anderen sind schuld.“

„Ich bin eben so, weil meine Vergangenheit so war.“

„Er hat mich dazu gebracht.“

Natürlich beeinflussen uns andere Menschen, Erfahrungen und Lebensumstände.

Aber Einfluss bedeutet nicht immer, dass wir keinerlei eigene Handlungsmöglichkeit mehr besitzen.

Die Wesenskunde fragt deshalb:

Wo habe ich trotz allem noch einen eigenen Entscheidungsspielraum?

Vielleicht kann ich nicht verändern, was mir passiert ist.

Aber ich kann möglicherweise beeinflussen, was ich heute daraus mache.

Zu viel Verantwortung

Es gibt aber auch die andere Seite.

Manche Menschen übernehmen Verantwortung für Dinge, die gar nicht vollständig bei ihnen liegen.

Zum Beispiel:

„Wenn es ihm schlecht geht, muss ich das lösen.“

„Wenn sie enttäuscht ist, habe ich etwas falsch gemacht.“

„Ich muss dafür sorgen, dass alle zufrieden sind.“

„Wenn mein Kind traurig ist, bin ich als Elternteil gescheitert.“

Damit kann aus Verantwortung eine Überverantwortung werden.

Wir können einen anderen Menschen unterstützen.

Wir können zuhören.

Wir können unser Verhalten prüfen.

Aber wir können nicht vollständig die innere Welt eines anderen Menschen steuern.

Wesensverantwortung bedeutet deshalb auch:

Nicht alles, was mich berührt, gehört automatisch in meine Verantwortung.

Verantwortung für das eigene Verhalten

Ein Gefühl kann entstehen, ohne dass wir es bewusst gewählt haben.

Aber daraus folgt nicht automatisch jedes Verhalten.

Ich darf wütend sein.

Trotzdem trage ich Verantwortung dafür, ob ich einen anderen Menschen beschimpfe oder verletze.

Ich darf enttäuscht sein.

Trotzdem kann ich entscheiden, wie ich diese Enttäuschung ausdrücke.

Ich darf Angst haben.

Trotzdem kann ich prüfen, welche Handlung jetzt sinnvoll ist.

Damit verbindet sich Wesensverantwortung unmittelbar mit unserem Bereich Gefühle und Emotionen:

Das Gefühl darf da sein – aber der Umgang damit gehört zu unserem Handlungsspielraum.

Verantwortung für Entscheidungen

Nicht jede Entscheidung führt zu dem Ergebnis, das wir uns wünschen.

Wir können sorgfältig abwägen und trotzdem falschliegen.

Verantwortung bedeutet deshalb nicht:

„Ich muss immer die richtige Entscheidung treffen.“

Sondern eher:

„Ich treffe eine Entscheidung mit dem Wissen, das mir jetzt zur Verfügung steht, und ich bin bereit, mich mit ihren Folgen auseinanderzusetzen.“

Wenn sich später zeigt, dass etwas nicht funktioniert hat, können wir lernen, korrigieren und neu entscheiden.

Auch das ist Verantwortung.

Verantwortung und Vergangenheit

Unsere Vergangenheit kann sehr viel erklären.

Prägungen, Verletzungen, Erfahrungen und gelernte Glaubenssätze können beeinflussen, wie wir heute reagieren.

Dieses Verständnis ist wichtig.

Aber Erklärung und Verantwortung sind nicht dasselbe.

Ich kann verstehen:

„Darum reagiere ich heute so.“

und gleichzeitig sagen:

„Trotzdem möchte ich prüfen, ob ich weiterhin so handeln möchte.“

Genau hier treffen Wesensgedächtnis, Wesensprägung und Wesensverantwortung aufeinander.

Die Vergangenheit kann erklären, wo etwas begonnen hat.

Die Gegenwart entscheidet darüber, was wir heute damit tun können.

Verantwortung bedeutet auch Grenzen

Manchmal besteht Verantwortung darin, etwas zu tun.

Manchmal besteht Verantwortung darin, etwas nicht zu übernehmen.

Ich darf sagen:

„Das ist meine Aufgabe.“

Aber genauso:

„Das ist deine Entscheidung.“

„Das kann ich unterstützen, aber nicht für dich lösen.“

„Dafür bin ich nicht verantwortlich.“

Grenzen sind deshalb nicht das Gegenteil von Verantwortung.

Sie können ein Teil von Verantwortung sein.

Verantwortung in Beziehungen

Wenn zwei Menschen miteinander umgehen, tragen beide ihren eigenen Anteil.

Ich kann dafür verantwortlich sein,

wie ich kommuniziere,
ob ich ehrlich bin,
ob ich Grenzen respektiere,
ob ich Vereinbarungen einhalte
und wie ich auf Konflikte reagiere.

Ich kann aber nicht allein dafür verantwortlich sein, dass eine Beziehung funktioniert.

Denn Beziehung entsteht zwischen mindestens zwei eigenständigen inneren Welten.

Verantwortung gibt Handlungsmöglichkeiten zurück

Verantwortung klingt manchmal wie eine Last.

Aber Verantwortung kann auch etwas Befreiendes haben.

Solange ich glaube:

„Alles hängt nur von den anderen ab.“

habe ich kaum Handlungsmöglichkeiten.

Wenn ich dagegen erkenne:

„Diesen Teil kann ich beeinflussen.“

entsteht wieder ein Handlungsspielraum.

Vielleicht ist er klein.

Aber er ist meiner.

Wesensverantwortung bedeutet deshalb nicht, alles kontrollieren zu können.

Sie bedeutet:

den eigenen Einfluss dort zu nutzen, wo er tatsächlich vorhanden ist.

Fragen, die zur Wesensverantwortung gehören

  • Was liegt in dieser Situation tatsächlich in meiner Verantwortung?
  • Was kann ich beeinflussen?
  • Was kann ich nicht kontrollieren?
  • Welchen Anteil habe ich selbst?
  • Übernehme ich zu wenig Verantwortung?
  • Übernehme ich vielleicht Verantwortung für andere, die gar nicht meine ist?
  • Welche Entscheidung kann ich heute treffen?
  • Welche Folgen meines Handelns muss ich berücksichtigen?
  • Welche Grenze sollte ich setzen?
  • Was kann ich aus einer vergangenen Entscheidung lernen?
  • Was gehört zu mir – und was gehört zum anderen?

Kurz zusammengefasst

Wesensverantwortung bedeutet, den eigenen Einfluss und den eigenen Anteil zu erkennen, ohne sich für alles verantwortlich zu machen. Sie hilft uns zu unterscheiden zwischen dem, was wir verändern können, dem, was wir beeinflussen können, und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt.

Verantwortung heißt nicht, für alles verantwortlich zu sein. Verantwortung heißt, den eigenen Teil zu erkennen und für ihn einzustehen.