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WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN

Wesensbeziehung

Zwei Menschen mit verbundenen inneren Welten als Symbol für Beziehung
Wenn zwei Menschen einander begegnen, treffen nicht einfach zwei Personen aufeinander – sondern zwei unterschiedliche innere Welten.

Jeder Mensch bringt etwas mit.

Eigene Erfahrungen.
Eigene Erinnerungen.
Eigene Bedürfnisse.
Eigene Gefühle.
Eigene Werte.
Eigene Erwartungen.
Eigene Bedeutungen.
Eigene Prägungen und Rollen.

Wenn Menschen miteinander in Beziehung treten, treffen deshalb zwei Systeme aufeinander, die niemals vollkommen identisch sind.

Genau mit diesem Zusammenspiel beschäftigt sich die Wesensbeziehung.

Wir erleben denselben Moment nicht unbedingt gleich

Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches darin sehen.

Ein Satz kann für den einen völlig harmlos sein und den anderen tief verletzen.

Eine Berührung kann für einen Menschen Nähe bedeuten und für einen anderen unangenehm sein.

Schweigen kann Ruhe bedeuten.

Oder Ablehnung.

Eine Frage kann Interesse ausdrücken.

Oder vom anderen als Kontrolle erlebt werden.

Das bedeutet nicht automatisch, dass einer von beiden „falsch“ liegt.

Es zeigt zunächst:

Menschen geben Situationen unterschiedliche Bedeutungen.

Ich kenne meine innere Welt – aber nicht automatisch deine

Wir erleben unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Bedeutungen unmittelbar.

Die des anderen können wir dagegen nur erschließen.

Wir sehen sein Verhalten.

Wir hören seine Worte.

Wir beobachten seine Reaktionen.

Aber wir wissen nicht automatisch, was in ihm geschieht.

Trotzdem schließen wir häufig sehr schnell:

„Er macht das, weil …“

„Sie denkt bestimmt …“

„Wenn er mich wirklich verstehen würde, dann …“

Damit füllen wir das, was wir nicht wissen, mit unseren eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Bewertungen.

Und genau dort können Missverständnisse entstehen.

Worte sind eine Brücke – aber keine Garantie

Sprache hilft uns, unsere innere Welt miteinander zu teilen.

Aber auch Sprache hat Grenzen.

Wenn zwei Menschen dasselbe Wort benutzen, bedeutet das noch lange nicht, dass beide dasselbe darunter verstehen.

Begriffe wie Nähe, Vertrauen, Respekt, Freiheit oder Verbundenheit können für unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Bedeutungen tragen.

Deshalb können zwei Menschen dasselbe Wort verwenden und trotzdem verschiedene Erwartungen daran knüpfen.

Das Problem liegt dann möglicherweise nicht im fehlenden Willen zueinander, sondern darin, dass zwei Menschen unterschiedliche Bedeutungen für dasselbe Wort besitzen.

Bedürfnisse treffen auf Bedürfnisse

In Beziehungen haben nicht nur wir selbst Bedürfnisse.

Der andere Mensch hat ebenfalls welche.

Ich brauche vielleicht Nähe.

Der andere gerade Ruhe.

Ich möchte reden.

Der andere braucht Zeit zum Nachdenken.

Ich wünsche mir Sicherheit.

Der andere möchte Freiheit.

Damit entsteht etwas Entscheidendes:

Zwei berechtigte Bedürfnisse können miteinander in Konflikt geraten, ohne dass eines davon deshalb falsch sein muss.

Wesensbeziehung bedeutet deshalb nicht, dass immer einer gewinnen und der andere nachgeben muss.

Es geht zunächst darum, überhaupt wahrzunehmen:

Was brauche ich?

Was braucht der andere?

Und wie gehen wir damit um, wenn beides gerade nicht gleichzeitig möglich ist?

Erwartungen wirken in Beziehungen

Wir tragen Vorstellungen darüber in uns, wie sich andere Menschen verhalten sollten.

Ein Partner sollte …

Ein Freund sollte …

Ein Kind sollte …

Eltern sollten …

Ein Kollege sollte …

Viele dieser Erwartungen haben wir nie bewusst ausgesprochen.

Der andere kennt sie möglicherweise nicht einmal.

Trotzdem können wir enttäuscht sein, wenn er sie nicht erfüllt.

Deshalb ist ein wichtiger Gedanke der Wesensbeziehung:

Enttäuschung beginnt manchmal mit einer Erwartung, von der der andere gar nichts wusste.

Nähe bedeutet nicht, dass zwei Menschen gleich werden müssen

Eine gute Beziehung bedeutet nicht, dass zwei Menschen dieselben Gefühle, Meinungen, Bedürfnisse und Werte besitzen müssen.

Nähe bedeutet auch nicht:

„Du musst so denken wie ich.“

Zwei Menschen können einander sehr verbunden sein und trotzdem verschieden bleiben.

Der andere Mensch bleibt ein eigenes Wesen mit einer eigenen Geschichte und einer eigenen inneren Welt.

Und genau das kann eine Herausforderung sein.

Denn manchmal wünschen wir uns nicht nur, dass der andere uns versteht.

Wir wünschen uns unbewusst, dass er so empfindet wie wir.

Doch Beziehung entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden.

Sie entsteht auch dadurch, dass wir lernen, mit Unterschieden umzugehen.

Beziehung braucht Grenzen

Nähe ohne Grenzen kann genauso problematisch werden wie Distanz ohne Verbindung.

In einer Beziehung dürfen wir verbunden sein und trotzdem ein eigenes Wesen bleiben.

Ich darf sagen:

„Das möchte ich.“

„Das möchte ich nicht.“

„Das verletzt mich.“

„Ich brauche gerade Abstand.“

„Das ist meine Verantwortung.“

und auch:

„Das ist nicht meine Verantwortung.“

Damit verbindet sich Wesensbeziehung direkt mit Wesensbedürfnissen, Wesensrollen, Grenzen und Wesensverantwortung.

Verantwortung in Beziehungen

Ein weiterer wichtiger Punkt:

Wir beeinflussen einander.

Aber wir besitzen einander nicht.

Ich kann Verantwortung dafür übernehmen,

wie ich spreche,
wie ich handle,
wie ich mit Grenzen umgehe
und wie ich auf einen anderen Menschen reagiere.

Aber ich kann nicht vollständig bestimmen,

was der andere fühlt,
was er denkt
oder welche Bedeutung er einer Situation gibt.

Genauso ist der andere Mensch nicht automatisch für jedes Gefühl verantwortlich, das in mir entsteht.

Das heißt nicht, dass Verhalten keine Folgen hat.

Es bedeutet vielmehr, Einfluss und Verantwortung sauber voneinander zu unterscheiden.

Beziehungen können uns auch etwas über uns selbst zeigen

Gerade in Beziehungen werden viele Bereiche unseres Wesens sichtbar.

Unsere Erwartungen.

Unsere Verletzlichkeit.

Unsere Bedürfnisse.

Unsere Grenzen.

Unsere Ängste.

Unsere Prägungen.

Unsere Rollen.

Unsere Art zu kommunizieren.

Deshalb können Beziehungen manchmal sehr herausfordernd sein.

Aber sie können auch ein Ort sein, an dem wir sehr viel über uns selbst lernen.

Fragen, die zur Wesensbeziehung gehören

  • Was bedeutet diese Beziehung für mich?
  • Welche Erwartungen bringe ich mit?
  • Weiß der andere überhaupt von diesen Erwartungen?
  • Welche Bedürfnisse habe ich?
  • Welche Bedürfnisse könnte der andere haben?
  • Welche Bedeutungen geben wir denselben Worten?
  • Was weiß ich tatsächlich über die innere Welt des anderen – und was vermute ich nur?
  • Wo brauche ich Nähe?
  • Wo brauche ich Grenzen?
  • Welche Verantwortung liegt bei mir?
  • Was liegt nicht in meiner Verantwortung?
  • Versuche ich den anderen zu verstehen – oder möchte ich, dass er genauso empfindet wie ich?
  • Welche meiner eigenen Erfahrungen und Prägungen wirken in dieser Beziehung mit?

Kurz zusammengefasst

Wesensbeziehung beschäftigt sich damit, was geschieht, wenn zwei unterschiedliche innere Welten aufeinandertreffen. Sie untersucht, wie Bedürfnisse, Bedeutungen, Erwartungen, Gefühle, Rollen, Grenzen und Prägungen Beziehungen beeinflussen und wie daraus Nähe, Vertrauen, Konflikte oder Missverständnisse entstehen können.

Als Leitsatz:

Beziehung bedeutet nicht, dass zwei Menschen dieselbe innere Welt besitzen. Beziehung beginnt dort, wo zwei unterschiedliche Welten lernen, miteinander umzugehen und ihre einzigartige Welt respektvoll miteinander zu teilen.