WESENSKUNDE · VERSTEHEN · ERKENNEN · ANWENDEN
Wesensgedächtnis

Was wir heute lernen und erleben, kann uns morgen bereits als Erfahrung zur Verfügung stehen.
Unser Gedächtnis gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, die wir als Menschen besitzen.
Durch gespeicherte Erfahrungen können wir lernen, uns orientieren, Gefahren einschätzen und Fähigkeiten entwickeln. Wir erinnern uns daran, was funktioniert hat und was nicht. Wir lernen Bewegungsabläufe, Techniken, Sprache, Handwerk, Regeln und unzählige Dinge, die wir nicht jeden Tag völlig neu entdecken müssen.
Ohne diese Fähigkeit wäre unser Leben kaum vorstellbar.
Das Gedächtnis hilft uns, aus Vergangenheit Wissen für die Gegenwart verfügbar zu machen.
Doch genau diese Stärke kann auch eine zweite Seite haben.
Denn wir speichern nicht nur Wissen und Fähigkeiten. Auch Erfahrungen, Bewertungen, emotionale Verknüpfungen, Erwartungen und innere Sätze können in uns weiterwirken.
Und hier beginnt das Wesensgedächtnis.
Was meint Wesensgedächtnis?
Das Wesensgedächtnis richtet den Blick besonders darauf, wie gespeicherte Erfahrungen unser heutiges Erleben, Fühlen, Denken und Handeln beeinflussen.
Es fragt also nicht nur:
„Woran kann ich mich erinnern?“
Sondern auch:
„Was hat eine Erfahrung in mir hinterlassen?“
Welche Bedeutung habe ich ihr gegeben?
Welche Gefühle waren damit verbunden?
Welche Erwartung ist daraus entstanden?
Welche Glaubenssätze oder inneren Regeln haben sich möglicherweise daraus entwickelt?
Denn eine Erfahrung kann längst vorbei sein und trotzdem noch Einfluss auf unsere Gegenwart haben.
Gedächtnis – Schutz und Begrenzung zugleich
Man könnte sagen: Unser Gedächtnis kann in manchen Bereichen tatsächlich Segen und Belastung zugleich sein.
Eine negative Erfahrung kann uns beispielsweise helfen, eine echte Gefahr beim nächsten Mal schneller zu erkennen.
Das ist sinnvoll.
Aber dieselbe Fähigkeit kann dazu führen, dass wir aufgrund einer vergangenen Erfahrung auch dort Gefahr erwarten, wo die heutige Situation vielleicht eine andere ist.
Dann schützt uns unser Erfahrungsschatz möglicherweise nicht nur – er kann auch unser heutiges Erleben einschränken.
Genau deshalb ist es wichtig zu verstehen, wann eine gespeicherte Erfahrung uns heute hilft und wann sie unsere Gegenwart stärker beeinflusst, als es der aktuellen Situation entspricht.
Vergangenheit ist vorbei – ihre Wirkung kann bleiben
Ein vergangenes Ereignis selbst können wir nicht verändern.
Aber das, was wir daraus gespeichert haben, kann in der Gegenwart weiterwirken.
Eine Erinnerung kann mit bestimmten Bedeutungen, Bewertungen oder Gefühlen verbunden sein. Treffen wir später auf eine ähnliche Situation, kann dieses gespeicherte Wissen wieder aktiviert werden.
Wir reagieren heute also nicht unmittelbar auf die Vergangenheit selbst, sondern auf das, was von ihr in unserem heutigen inneren System vorhanden ist.
Erfahrungen können zu inneren Regeln werden
Aus wiederkehrenden Erfahrungen können beispielsweise Sätze entstehen wie:
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich darf keine Fehler machen.“
„Ich muss vorsichtig sein.“
„Andere werden mich sowieso ablehnen.“
Irgendwann müssen wir solche Sätze möglicherweise gar nicht mehr bewusst denken.
Sie können zu einem Teil unseres inneren Bezugssystems werden und beeinflussen, wie wir neue Situationen bewerten.
Neue Erfahrungen verändern unseren Erfahrungsschatz
Und hier bekommt der Leitsatz noch einmal besondere Bedeutung:
Was wir heute lernen und erleben, kann uns morgen bereits als Erfahrung zur Verfügung stehen.
Unser innerer Erfahrungsschatz ist also nicht abgeschlossen.
Wir können heute neue Fähigkeiten lernen.
Wir können eine Situation anders bewältigen.
Wir können feststellen, dass etwas, wovor wir Angst hatten, anders ausgeht als erwartet.
Wir können neue Bedeutungen entwickeln und neue Erfahrungen machen.
Das Vergangene verschwindet dadurch nicht.
Aber zu unserem bisherigen Erfahrungsschatz kommt etwas Neues hinzu.
Genau deshalb ist die Gegenwart in der Wesenskunde so wichtig: Was wir heute bewusst lernen und erleben, kann später Teil unseres verfügbaren inneren Fundaments werden.
Kurz zusammengefasst
Das Gedächtnis ermöglicht uns zu lernen, Wissen aufzubauen, Fähigkeiten zu entwickeln und Erfahrungen für die Zukunft zu nutzen. Das Wesensgedächtnis betrachtet besonders, wie diese gespeicherten Erfahrungen, Bedeutungen und emotionalen Verknüpfungen unser heutiges Erleben und Handeln beeinflussen.
Unser Erfahrungsschatz kann uns schützen, stärken und leiten.
Aber manchmal lohnt es sich zu prüfen, ob eine alte Erfahrung noch zur heutigen Situation passt.